Veränderung ist weiblich

veraenderung ist weiblich - change is female

Warum Veränderung weiblich ist? Ach, wo fange ich an. Erstmal nachgeschlagen im Duden: Veränderung – Substantiv, feminin. Na bitte. Aber jetzt mal im Ernst. Es gibt natürlich noch viel mehr Beispiele, weshalb Veränderung durchaus weiblich zu nennen ist.

Hurra – zweimal Wechseljahre

Nehmen wir allein die biologischen Veränderungen, denen die meisten Frauen im Laufe ihres Lebens ausgesetzt sind. Menschen mit Uterus gehen im Gegensatz zu Menschen ohne Uterus zweimal durch die Wechseljahre. Einmal mit dem Eintritt in die Geschlechtsreife und dann wieder beim Austritt aus derselben – beide nicht zwingend angenehm für Körper und Seele.

Mit dem Eintritt in den Geschlechtsreifeclub gehen folgende Veränderungen einher: Das pure Geschlechtshormonchaos mit Beginn einer endlosen Abfolge von monatlichen Blutungen einhergehend mit schwer zu beeinflussenden Stimmungswechseln und teilweise starken Schmerzen. Yay.

Rund, na und?

Und schwanger werden – können auch nur Frauen. Eine Superkraft, bei der gilt: Alles kann, nichts muss – es muss die eigene Entscheidung einer jeden Einzelnen sein (und bleiben). Aber einmal dafür entschieden und umgesetzt, ist das ja wohl mal die sichtbarste Veränderung aller Zeiten! Ein Körperteil, das sich rundweg ausdehnen kann bis zum Geht-nicht-mehr und dann nach der Geburt annäherungsweise wieder auf den Vorher-Zustand kommt? Wie krass angepasst an Veränderungen kann so ein Frauenkörper sein, bitteschön?

Und weil wir schon dabei sind, bringt die Geburt gleich auch schon die nächste Veränderung mit sich: Brüste, die Milch geben so lange benötigt. Eine spürbare Veränderung, die auch optisch immer wieder fasziniert – vorher, währenddessen und hinterher. Während die Schwangerschaft allerdings gesellschaftlich angesehen ist (zumindest bei weißen Cis*-Frauen) und für konservative Geister und KIrchenoberhäupter geradezu verpflichtend für Frauen zu sein scheint, ist das Stillen eher eine Sensation der bedrohlichen Art für viele. Weshalb es ganz gern verbannt wird aus dem öffentlichen Raum. Uff, Leute können so sensibel sein.

Karrieresprungbrett ins Nichts

Und als wäre das Alles nicht schon sensationell genug, bringt die biologische Veränderung des weiblichen Körpers auch noch berufliche Veränderungen mit sich. Auch diese wieder nur den Frauen vorbehalten. Welch‘ Ehre.  

Ja, ja, die Rolle der Frau in der Berufswelt – eine Geschichte voller Missverständnisse. Denn auf dem Arbeitsmarkt ist eine Person mit integriertem Uterus bis 40 eine potentiell werdende Mutter – mit einhergehendem Arbeitsausfall und weiteren Kalamitäten.

Irgendwas ist immer

Dies reicht für viele Arbeitgebenden bereits als Grund…

  • Frauen bis 40 nicht zu fördern (lohnt sich nicht, die wird ja eh jede Sekunde schwanger)
  • ihnen den Zugang zu Führungsebenen zu verweigern (Führen mit Kind ist nur was für Männer – mit Frau zuhause beim Kind)
  • sie als zu jung und unerfahren einzustufen im Vergleich zu ihren männlichen Mitbewerbern
  • ihnen grundsätzlich weniger Gehalt zu zahlen für all die Unannehmlichkeiten und noch mehr (Gender Pay Gap)
  • oder sie gar nicht erst einzustellen (alles einfach zu riskant, sorry)

„Nun“, könnte mensch sagen, „dann eben blühende Karriereaussichten für die Frau ab 40.“ Doch weit gefehlt. Denn Frauen ab 40 sind für Arbeitgebende eben auch nicht so super, weil sie …

  • evt. Kinder haben, die noch betreut werden müssen (die wollen dann Teilzeit arbeiten oder wie?)
  • Elternzeit für die familiäre Sorgearbeit/Care Arbeit genommen haben und deswegen eine Lücke im Lebenslauf haben (No Go)
  • zukünftig möglicherweise noch Care Arbeit leisten werden für ihre Eltern oder die ihres Mannes (nicht zu befürchten bei Männern, die Frauen für diese Aufgabe haben)
  • als zu alt eingestuft werden, um sie zu noch zu fördern oder befördern (Frauen sind mit 40 definitiv nicht mehr jung und Männer im besten Alter)

Sind wir nicht alle schon gleichberechtigt?

Hinzu kommt – für viele Frauen, die bisher glaubten, bereits in einer geschlechtergerechten Welt zu leben überraschend – auch noch die Veränderung der sozialen Rolle der Frau. Eben noch glaubte frau sich mit 20+ als gleichberechtigt und lachte mit anmutig zurückgeworfenem Kopf über feministische Forderungen anderer Frauen. Der magische Glaubenssatz „Du kannst alles werden, was Du willst“ scheint geschlechterübergreifend zu gelten – für weiße Cis-Menschen zumindest.

Spätestens mit der Geburt des ersten Kindes ändert sich diese Weltsicht jedoch in den meisten Fällen dramatisch. Bislang moderne, gleichberechtigte Partnerschaften verändern sich plötzlich in 50er-Jahre-Modelle – trotz bester Absichten aller Beteiligten vor der Geburt.


Lesetipp

Gleichberechtigung – tut das not oder kann das weg? Ein erhellendes Buch zum Thema Equality hat Alexandra Zykunov geschrieben mit dem wunderbaren Titel „Wir sind doch alle längst gleichberechtigt!„.

Messerscharf analysiert Frau Zykunov Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern und liefert Punchlines für die nächste Familienfeier, Spielplatzrunde oder Beziehungsdiskussion.

Buch-Cover von Alexandra Zykunov: "Wir sind doch alle längst gleichberechtigt!"

Gender Care Gap

Wer bleibt zuhause bei der geliebten Brut?  Natürlich die, die weniger verdient. Oder stillen kann oder den unwichtigeren Job hat oder einen angeblich angeborenen Mutterinstinkt und damit die bessere Qualifikation für diesen Job besitzt. Oder oder.

Plötzlich kommen im Leben einer Frau all die Veränderung zum Tragen, die der Gender Care Gap so mit sich bringt. Danke – für nichts.

Infografik: Gender Care Gap noch immer viel zu hoch | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista


Hierzu gibt es demnächst noch einen ausführlichen Artikel, denn es gibt noch eine Menge mehr Interessantes zu sagen. Zurück zum Thema „Veränderung ist weiblich“.

Wechseljahre, die zweite, bitte

Denn jetzt kommen die eingangs erwähnten zweiten Wechseljahre der Frau. Yay, wir haben die zweimal.

Nun, der Begriff „Wechseljahre“ hat eine negative Konnotation in unserer westlichen Gesellschaft. Er wird auch vor allem für Frauen genutzt, während die männlichen Wechseljahre eher als „Midlife Crisis“ tituliert werden. Ein gelungener Marketing-Coup: Das klingt irgendwie griffiger, kürzer und auch mehr so nach mentalem Ding und nicht so nach körperlicher Veränderung (igittigitt).

Wechseljahre versus Midlife Crisis

Werden bei der Erwähnung der Wechseljahre die Blicke beschämt gen Boden gerichtet und verzweifelt nach alternativen Gesprächsthemen gesucht, umgibt den Begriff Midlife Crisis eine Aura von Sex mit Jüngeren, Anschaffung von teuren Konsumgütern und Haaren im Wind (soweit noch vorhanden). Diese lustige, wenn auch völlig an den Haaren herbeigezogene, sprachliche Trennung der geschlechterbezogenen Wechseljahre, macht in der öffentlichen Wahrnehmung die weibliche Veränderung zu etwas Negativem, während sie beim Mann zu einer interessanten Sache wird.

Und so geraten Frauen im öffentlichen Interesse mit 40+ gern mal in den Hintergrund, während Männer im gleichen Alter scheinbar durchstarten. Dies ist auch ganz hübsch am Verdienst erkennbar: Männern erleben ihren Gehaltshöhepunkt im Alter von 52 Jahren und dieser ist rund 25 % höher als bei Frauen im gleichen Alter (1). Frauen hingegen kommen gehaltstechnisch mit 41 Jahren zum Höhepunkt und liegen damit 13 % unter dem ihrer männlichen Kollegen. Danach stagnieren die Gehälter oder sinken gar bis zum Renteneintritt. Sexy. Aber das nur am Rande.

veraenderung ist weiblich - change is female lila

Veränderung ist weiblich – yay

Was an der sehr unvollständigen Liste all der bisher genannten Veränderungen bisher zu kurz gekommen ist, sind die positiven Aspekte der These „Veränderung ist weiblich“. Ok, Kinderkriegen können ist schon mal eine echte Superkraft, ob frau sie nun nutzen möchte oder nicht.

Frauen waren schon immer Treiberinnen großer Veränderungen. Auch wenn sie dafür niemals die historische Sichtbarkeit erhalten haben. Auch in der Geschichtsschreibung fehlt die Frauenperspektive.

History versus Herstory

Eine amerikanische Studie hat ergeben, dass in Geschichtsbüchern gerade einmal 11 % von wichtigen Frauen erzählt wird – und dann oft nur als Frau von irgendeinem „wichtigen“ Mann (2).

Aber es gab sie, die Frauen, die die großen Veränderungen vorangetrieben haben. Oder wusstet ihr beispielsweise, dass Frauen die Digitalisierung überhaupt erst möglich gemacht haben (3)? Und dass der Vater des Rock’n Roll in Wahrheit eine Mutter war (4)? Und die Frauenliga für Frieden und Freiheit als älteste feministische Friedensorganisation seit über 100 Jahren für eine Entmilitarisierung kämpft (5)?

Frauen und ihre großen Taten sind nahezu unsichtbar in unseren Geschichtsbüchern – vergessen, verschwiegen, ihre Errungenschaften klein geredet. Und warum? Weil Geschichte hauptsächlich von Männern geschrieben wurde (6). Ergo, auch in der Geschichtsschreibung ist Diversität dringend vonnöten.

Und hätten wir in den vergangenen hundert Jahren statt einer patriarchalen eine feministische Außenpolitik betrieben, hätten wir eine weniger gewaltbereite Welt. Diese sinnvolle Veränderung endlich nachzuholen, fordert Kristina Lunz, Mitbegründerin des »Centre for Feminist Foreign Policy« und couragierte Vorkämpferin für eine feministische, an Gerechtigkeit ausgerichtete Außenpolitik. In ihrem kürzlich erschienen Interview in der Frankfurter Rundschau bezieht sich auch auf die aktuelle Kriegssituation :

„Dass Putin jetzt mit Atomwaffen drohen kann – gegen so einen Irrsinn arbeitet die feministische Bewegung ja seit langem an. Dafür gibt es unendlich viele Beispiele. Frauen wie Beatrice Fihn setzen sich seit Jahrzehnten für atomare Abrüstung ein, die Friedensnobelpreisträgerin Jody Williams für ein Verbot von Landminen. Die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit kämpft als älteste feministische Friedensorganisation seit über 100 Jahren für eine Entmilitarisierung. Genau darum geht es bei feministischer Außenpolitik.“

Kristina Lunz im Interview in der Frankfurter Rundschau vom 08.03.2022

Lesetipp

Die internationale Politik ist auch heute noch männlich geprägt: Dominanz ist wichtiger als Vermittlung, Menschenrechte gelten weniger als Machtinteressen, Abrüstung und Klimagerechtigkeit werden als realitätsfremde Utopien verhöhnt und Gesundheit ist eines der Privilegien in reichen Ländern.

Kristina Lunz, Mitbegründerin des »Centre for Feminist Foreign Policy«, ist eine couragierte Vorkämpferin für eine feministische, an Gerechtigkeit ausgerichtete Außenpolitik. In ihrem Buch „Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch – Wie globale Krisen gelöst werden müssen“ zeigt, wie eine friedliche, faire und sichere Welt entstehen kann.


Yes, she can

Auch in der Arbeitswelt ist die Veränderung weiblich. Ein Beispiel? Gern. Am liebsten gleich mehrere: In der  Dokumentation „Yes She Can – Frauen verändern die Welt“ sprechen Frauen über ihre Erfahrungen mit Vorurteilen und Missständen und ihre Arbeit für eine diverse (Arbeits-)Welt. Expertinnen erläutern, welche Ursachen hinter der fehlenden Gleichstellung stecken, und zeigen Strategien auf, um Gender Equality in der Praxis besser umzusetzen.

Idee und Konzept der feministischen Dokumentation kommt von der Gründerin der Global Digital Women GmbH (GDW), Tijen Onaran (7).

Seit Frauen sich den Arbeitsmarkt mühsam erobert haben, kämpfen sie für eine bessere Arbeitswelt – mit gesunder Work-Life-Balance, einem Klima der Toleranz und einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das sind keine weiblichen Bedürfnisse, das sind menschliche Bedürfnisse.

Veränderung für alle, bitte

Die Forderungen, die Frauen stellen, kommen auch ihren männlichen Kollegen zugute. Denn auch die müssen leider noch immer mit Sanktionen und beknackten Kommentaren rechnen, wenn sie mehr Zeit für ihre Familie einfordern oder mehr auf ihre Gesundheit achten wollen.

Und so kommen wir zu einer Veränderung der Arbeitswelt durch New Work, die ohne die weibliche Triebkraft so nicht stattfinden würde.

„Überall verstanden die Frauen die Neue Arbeit, lange bevor die Männer sie begriffen hatten, und stets war es so, dass sie bereit waren, etwas für die Neue Arbeit zu unternehmen, wenn die Männer noch ihre Zweifel hatten und sich gegenseitig mit der Schärfe ihres kritischen Verstandes beeindrucken wollten.“

Neue Arbeit, Neue Kultur von Frithjof Bergmann

Für mich jetzt gerade besonders sichtbar in meiner Ausbildung zur Facilitator im Bereich New Work Transformation. Überwiegend Frauen widmen sich dem Thema und öffnen sich und wollen ihre Unternehmen für die Ideen von New Work begeistern. Aber keine Sorge, später nach der Transformation werden dann wieder männliche Speaker und Coaches stehen auf den Podien und in den Workshops für die Unternehmensspitzen(8). Seufz.

Veränderung ist weiblich und nachhaltig

Wir sehen, Veränderung ist weiblich. Beispiele gibt es viele, darüber geredet wird immer noch viel zu wenig. Das wirklich Bahnbrechende und Zukunftsweisende an weiblicher Veränderung ist für mich, dass sie nicht versucht mit den Männern gleichzuziehen und dabei das System belässt wie es ist. Veränderung ist nachhaltig, wenn sie aus gemachten Fehlern lernt, wenn sie die Dinge neu denkt und Lösungen für alle schafft.

Die oben genannte Aufzählung der Beispiele für weibliche Veränderung ist natürlich unvollständig. Schreibt gern weitere in die Kommentare, um die Liste zu vervollständigen. Merci vielmals.

Sylke Rademacher
Sylke Rademacher

…feiert Veränderung , kämpft für Feminismus , praktiziert New Work, lebt Nachhaltigkeit und versucht dies alles in Worte zu fassen.


Erklärung:
Wenn ich in meinen Texten von Frauen spreche, beziehe ich mich auf die strukturellen und stereotypen gesellschaftlichen Rollen, die alle weiblich gelesenen Personen betreffen.

*Das Adjektiv „cis“ wird benutzt, um auszudrücken, dass eine Person sich mit dem Geschlecht identifiziert, dem sie bei der Geburt aufgrund der Genitalien zugewiesen wurde. Cis ist das Gegenstück zu „trans“. (https://queer-lexikon.net/2017/06/15/cis/)

Quellen:

  1. https://www.gofeminin.de/job-karriere/stepstone-studie-gehaltsmaximum-s4024290.html
  2. http://www.slate.com/articles/news_and_politics/history/2016/01/popular_history_why_are_so_many_history_books_about_men_by_men.html?via=gdpr-consent&via=gdpr-consent
  3. https://www.reif-magazin.de/neueste-beitraege/5-frauen-die-die-welt-veraendert-haben/
  4. https://cafebabel.com/de/article/aus-den-augen-aus-dem-sinn-wie-geschichte-frauen-vergisst-5ae00bf9f723b35a145e81eb/
  5. https://www.wilpf.de/
  6. https://www.thisisjanewayne.com/news/2018/03/13/overlooked-ueber-unsichtbare-und-vergessene-frauen/
  7. https://tijen-onaran.de/tijen-onaran-ihre-doku-yes-she-can-klaert-ueber-chancengleichheit-auf/
  8. https://kultur-komplizen.de/new-work-und-feminismus/?utm_source=pocket_mylist
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