Karrierefrauen schmeißen hin

Karrierefrauen in der Lebensmitte auf dem Höhepunkt ihrer beruflichen Laufbahn schmeißen plötzlich hin, steigen aus, ziehen weiter. Warum?

In der Lebensmitte stellen sich Männer wie Frauen die Frage: „Soll es das jetzt gewesen sein?“ und wollen karrieretechnisch nochmal neustarten. Doch bei Frauen sind die Ausgangsbedingungen und Beweggründe teilweise andere.

Gut ausgebildet, aber oft unter ihrer Qualifikation arbeitend, gedeckelte Aufstiegschancen, schlechter bezahlt, in Doppelbelastung durch Familie und Beruf inklusive Teilzeitfalle, steuerrechtlich benachteiligt – das trifft auf viele Frauen ab 40+ zu. Wer würde da nicht gern hinschmeißen? Doch der Wunsch nach Veränderung hat nicht unbedingt nur mit dem Status zu tun.

Warum schmeißen Karrierefrauen hin?

Auch beruflich sehr erfolgreiche Frauen, sogenannte Karrierefrauen, in der Lebensmitte entdecken ihre Bedürfnisse und orientieren sich neu.Es geht schon mal los mit der ungleichen Verteilung der Geschlechter in höheren Positionen. Die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen ist schon groß, aber Frauen in Vorständen oder Aufsichtsräten sind beinahe Einhörner.

Und die wenigen Top-Managerinnen, die es an den mit Stahlellenbogen fuchtelnden Männern in Machtpositionen endlich vorbei geschafft haben, scheren am Höhepunkt ihrer Karriere plötzlich aus. Was? War alles umsonst? Nicht wirklich, denn erst dort oben angekommen, haben die Frauen die volle Sicht aufs Ganze. Und so stehen die Top-Managerinnen und weiblichen Führungskräfte da und reflektieren: Habe ich mir das so vorgestellt? War es die Investitionen und Mühen wert? Und bin ich überhaupt schon ganz oben angekommen?

Gläserne Decke – zerstört nicht nur die Frisur

Letzteres ist nach der Studie „Managerinnen 50plus“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend* tatsächlich einer der Hauptgründe für den Ausstieg der Powerfrauen aus dem Karrierebusiness.

Gläserne Decke nennt man das Phänomen, wenn frau zwar sieht, dass es da oben noch weitergeht und Männer links und rechts an ihr dorthin vorbeiziehen, aber sie selbst partout nicht dorthin gelangen kann. Und zwar nicht, weil ihre Leistung schlechter oder ihr Engagement niedriger wäre, nein, allein aufgrund ihres Geschlechtes. Schönen Dank auch.

Geschlechterungerechtigkeit – Männlichkeit sticht

In einer Wirtschaftswelt in der bereits das gehobene Management überwiegend männlich ist, fühlen Frauen sich häufig auf verlorenem Posten. Nicht aufgrund der hohen Verantwortung, sondern wegen der Aussichtsslosigkeit auf Erfolg. Und selbst wenn es die eine oder andere tatsächlich mal in einen Vorstand oder Aufsichtsrat geschafft hat, ist sie dort allein, isoliert und wird von den eigentlichen Macht- oder Informationskanälen systematisch ausgeschlossen.

Natürlich wird das nicht offen ausgesprochen. Stellen wir uns vor, ein Vorstandsvorsitzender würde vor einer wichtigen Entscheidung ehrlich sagen: „Sorry, ab hier geht’s nur weiter mit Penis.“ Ha.
Aber tatsächlich werden Frauen subtil ausgeschlossen: entscheidende Informationen werden ihnen vorenthalten, Entscheidungen vor oder nach der Sitzung ohne sie getroffen – am Telefon oder in der Bar, hauptsache unter sich. Tzja.

Karrierefrauen kämpfen, resignieren oder schmeißen hin

Kein Wunder also wenn Frauen irgendwann aussteigen. Das Spiel ist ausschließlich mit männlichem Geschlecht spielbar? Warum dann weitermachen als weiblich gelesene** Person? Für viele Frauen ist der permanente Kampf um den geschlechtergerechten Aufstieg in einer absolut männlich strukturierten Arbeitswelt spätestens ab der Lebensmitte einfach nur noch ermüdend und frustrierend. Wozu sich also die Frisur tagein tagaus an gläsernen Decken ruinieren? Zu welchem Preis?

Prof. Dr. Christiane Funken, Geschlechterforscherin und Autorin der oben genannten Studie, hat die untersuchten Top-Managerinnen in drei Reaktionstypen unterteilt:

Die Kämpferinnen

40% richten sich immer wieder die Frisur und kämpfen erbittert weiter, um an ihr Ziel zu gelangen. Die mangelnde Wertschätzung, fehlende Entscheidungsmacht und Nichtberücksichtigung bei Beförderungen sind nur weitere Herausforderungen für sie auf diesem Weg.

Die Resignierten

30% der untersuchten Frauen reichen innerlich die Kündigung ein. Sie sind häufig die Familienversorgerinnen oder können aus anderen Gründen nicht einfach den Job hinschmeißen. Aber innerlich sind sie längst weg und definitiv des Kämpfens müde. Diese Frauen machen nur noch Dienst nach Vorschrift. Derweil prüfen sie Optionen und Alternativen neben der Linienposition und wechseln in beratende Tätigkeiten oder Kontrollgremien.

Die Aussteigerinnen

Die restlichen 30% Frauen der Studie planen pro-aktiv einen Ausstieg mit dem Ziel, etwas ganz anderes zu machen. Sie erkennen die Aussichtslosigkeit ihrer beruflichen Situation im Unternehmen und sind häufig auch durch die alltägliche Routine und Monotonie ihrer Arbeit gelangweilt. Und so widmen sie ihre Motivation und Energie lieber neuen Herausforderungen und investieren ihre reichhaltige Erfahrung und Wissen in andere Tätigkeitsfelder. Sie suchen nach einer für sie sinnvolleren Tätigkeit, machen sich selbstständig, werden ehrenamtlich oder politisch tätig.

Klingt zwar ganz gut, war aber in dem Fall dann keine ganz freiwillige Entscheidung.

Unternehmen sind die freiwilligen Verlierer

Mit Ausnahme der Kämpferinnen ist der Brain Drain inkludiert. D.h. den Unternehmen geht das enorme Wissenspotenzial dieser Frauen, das fachliche Know-how und ihr Erfahrungswissen verlustig. All die Jahre des Wissensaufbau und Talentausbau als Unternehmens-Investition in diese Mitarbeiterinnen – einfach futsch. Und das vor allem aufgrund überholter Machtstrukturen und männlich geprägter Arbeitskulturen.

New Work – her mit dem schönen Arbeitsleben

Es zeigt sich auch hier, es wird höchste Zeit für New Work. Denn in Kompetenzhierarchien gelten männliche Machtstrukturen nicht mehr. Transparente Gehälter und New Pay Modelle verhindern die ungleiche Bezahlung. Divers aufgestellte und wechselnde Führungsteams erhöhen die Innovationskraft und beugen Langeweile vor. Familiengerechte Arbeitszeitmodelle und Homeoffice führen zu mehr Vereinbarkeit von Beruf und Leben.

Hätten die Karrierefrauen aus der Studie auch gekündigt, wenn ihnen ihr Unternehmen all das geboten hätte? Einzelne vielleicht. Aber dann aus anderen Gründen, aber nicht wegen der mangelhaften Arbeitsverhältnisse. Also, liebes Unternehmertum, nur Mut zur Veränderung.

Veränderung ist gut und die Angst davor unbegründet. Allerdings sind Frust, Wut oder Angst dabei schlechte Berater. Die Corona-Pandemie zeigt uns das gerade wieder mal sehr deutlich.


* Auch interessant, was da bei der Ministeriumsbenamung so zusammengefasst wurde oder gibt es auch noch ein dazupassendes Ministerium für Familie, Senioren, Männer und Jugend?

** Weiblich gelesen meint, dass eine Person als Frau wahrgenommen wird, unabhängig davon, welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlt oder welche weiblichen Körpermerkmale sie besitzt.

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